Menu schließen
image
Interviews Ekaterina Koroleva
Geburtstag und -ort 19.02.1983 in Nabereschnyje Tschelny, Russland
Beruf Illustratorin und Künstlerin
Wohnort Berlin
Was fasziniert Dich so an Illustration?

Von Kindesbeinen an haben mich Illustrationen in russischen Kinderbüchern z.B. von bekannten Zeichnern wie Iwan Bilibin fasziniert und begleitet. Durch die sehr farbenfrohen und fröhlichen Zeichnungen wurde ich mehr und mehr für bildhafte Sprache sensibilisiert und begann Grafik und Illustration genauer unter die Lupe zu nehmen. Ich ging zum Zeichenunterricht und es stand schnell fest, dass mich das zu meinem Beruf führen würde. Spannend war für mich an diesem Punkt, dass ich die Bilder in das Alltagsleben integrieren konnte und ich arbeitete eigentlich von Anfang an mit Kunden zusammen nebst der freien Illustration.

Als Illustratorin bewege ich mich an der Grenze zwischen Grafikdesign und freier Kunst. Illustratoren emotionalisieren Inhalte oder schaffen bildhaft komplexe Zusammenhänge und lassen sie lebendig werden. 

Sie ermöglichen den Menschen einen schnelleren Zugang zu einem Sachverhalt oder einem Produkt. Jedenfalls ist das der Ansatz meiner Arbeit.

Ich finde es spannend, mir die Frage zu stellen: „Wie erschaffe ich etwas, wie setze ich eine Vorgabe um und wie kann ich diese dann jedesmal aufs Neue künstlerisch beantworten, ohne dass ich meinen Stil verliere und trotzdem den Nerv des Kunden treffe. 

Was war Dein erster Job als Illustratorin?

Im Grunde genommen war mein erster Job mein Portfolio ,umzustellen’ mit dem Fokus auf Illustration. Ich bin eigentlich Kommunikationsdesignerin, ich konnte Logos, Visitenkarten und Plakate präsentieren – hatte alles parat für diesen Bereich aber nur einige wenige Illustrationen, definitiv nicht genug für eine ernsthafte Bewerbung bei einem Kunden. An den ersten bezahlten Job kann ich mich nicht mehr genau erinnern.

Hattest du schon immer eine Affinität zum (freiem) Zeichnen?

JA!

Warum hattest du dann zuerst Grafikdesign gelernt?

Mir ist ein Buch zugefallen, in dem verschiedene Agenturen und Grafikdesigner aus Südamerika ihre Arbeiten präsentiert haben – in ganz verspielter Art und Weise, und irgendwie hatte ich die illusorische Vorstellung, dass Grafikdesigner freier arbeiten, jedoch bewegen sie sich innerhalb von relativ strengen Vorgaben und vor allem arbeiten sie wenig analog, was für mich mehr und mehr zur Priorität wurde. Grafik war mir zu einseitig, ich wollte eher die Illustrationen machen. Ich hatte keine Lust mehr auf Druckvorstufen, Feintypografie und feste Corporate Identities. Das hatte für mich zu grosses Frustrationspotential. Mein Stil ist einfach zu verspielt und zu künstlerisch, ich arbeite zu frei.

Du hast ja dann lange Zeit über versucht, etwas zu sein was du nicht bist - es muss ein erleichterndes Gefühl gewesen sein, diesen Schritt zu gehen...

Ja, die totale Erleichterung!  Anfangs wurde uns angehenden Grafikdesignern ‚eingetrichtert‘, dass ein guter Karriereweg der in einer Werbeagentur sei, wo am besten Erfahrung sammeln kann. Vom Hörensagen fand ich das alles total toll – man springt da irgendwie auf den Zug auf, ohne wirklich zu wissen, was das eigentlich bedeutet. Daneben kommen einem natürlich auch Gedanken in den Kopf wie: „Wie soll ich als freie Illustratorin Geld verdienen und überleben? etc.“ Liebe Grüße an dieser Stelle an meine Eltern, es funktioniert also doch! 🙂 Aber der Spaß und die Erfüllung bei der Arbeit und vor allem künstlerische Freiheit, erschienen mir damals schon wichtiger. Im Grunde habe ich ja nie als Grafikerin gearbeitet, darum kann ich nicht sagen, ob ich den Pfad jemals wirklich verlassen musste, den ich ja nie betreten hab.

Wer oder was waren deine frühesten Vorbilder oder Inspirationsquellen?

Alle meine Kinderbücher von russischen Illustratoren aus der Sowjetunion, die einen unfassbar schönen, hingebungsvollen Zeichenstil hatten – mit viel Liebe zum Detail und fröhlichen Farben und Geschichten über Freundschaft und Zusammenhalt. 

Sehr häufig findet man in Märchen folkloristische Zitate, bäuerliche Landhausästhetik und traditionelle Gewänder und die klassischen roten Bäckchen, die ich immer so gerne in meine Zeichnungen integriere.

Wäre dann nicht auch freie Kunst etwas für Dich gewesen?

Ich finde genug Abwechslung zum angewandten Bereich der Illustration und den Aufträgen in meinen freien Arbeiten. Die finanzielle Abhängigkeit würde mich blockieren und mir relativ schnell den Spaß an der Illustration nehmen. Man hat ja als Illustrator die Möglichkeit, sich beide Türen offen zu halten und hin und wieder die „Zimmer“ zu wechseln.

Wenn Du einen Illustrations-Auftrag bekommst, was sind für Dich die wichtigsten Punkte, Regeln oder Dein ganz persönliches Vorgehen für eine erfolgreiche Illustration?

Erstmal alles zuklappen, Musik an und sich von der Thematik berieseln lassen. Ich verbringe relativ viel Zeit damit, ins Thema einzutauchen und mir genügend Raum für die Recherche zu geben. Bei Marlène, der Illustration für Le Manoir, fand ich das total spannend – Du hattest mir Bildbeispiele von alten Vintage Illustrationen gezeigt und diese ,Vintage Illus’ liebe ich! Ich habe einen digitalen und analogen Fundus mit Illustrationen aus der Zeit, in ich eintauche –  so hole ich mir erst einmal visuellen Input – und zwar von Malerei, Illustration, Fotografie, Menschen und Farben, Muster – eigentlich von allem kann ich mich inspirieren lassen. Im Anschluss muss der Entwurf relativ schnell auf das Papier gebracht werden, je länger ich über etwa grüble, umso langweiliger wird das Ergebnis, ich arbeite lieber intuitiv.

Was passiert dann?

Dann geht mein Flow weg und ich ,verkopfe’, weil ich, wenn ich lange an einer Illustration sitze, das Gefühl habe, dass alles perfekt sein muss. Ich hab dann einfach das Gefühl, auf alles achten zu müssen und das merkt man dann mir und auch meiner Arbeit an.

Woher beziehst du deine Ideen und hast Du spezielle Strategien, wenn es im kreativen Prozess mal nicht so glatt läuft?

Dagegen hab ich bis jetzt noch immer keine feste Formel gefunden, die mir hilft. Abstand suchen, wenn es gar nicht geht und wenn man um die gleiche „schlechte“ Idee kreist also mindestens eine halbe Stunde den Tatort verlassen. Und dann am besten etwas tun wie Dinge sortieren, Schokoladencroissants kaufen gehen oder sich mit etwas belohnen, was einem eben Spaß macht.

Es kommt auch immer auf die Phase an, ich habe keine Blackouts mehr, bei denen mir nichts einfällt. Wenn ich einen Auftrag kriege, habe ich eher zu viele Ideen, aber manchmal bleibt man zum Beispiel bei der ersten Korrektur hängen, wenn z.B. die Farben geändert werden sollen oder wenn der Kunde sagt: „nimm noch zwei Objekte mit rein“ und ich aber denke, es ist perfekt so wie es ist und ich jeden Zusatz überflüssig finde.

Oder ein klassischer Zeiträuber und Panikmacher sind Männerköpfe! Ich kann es nicht leiden, Männerportraits zu zeichnen, da die Herren immer androgyn werden und ich Männer Gesichter einfach nicht ästhetisch finde.

Was empfindest Du als besonders schwierig beim Zeichnen von Männerköpfen?

Männergesichter haben einfach nicht so viele schöne Attribute wie Frauenköpfe. Feminine Gesichter und Körper schaue ich gerne an, sie werden ja nicht umsonst das „schöne Geschlecht genannt“.

Und was hat Dich bei der Figur „Marlene“, die Du für Le Manoir erschaffen hast, am meisten herausgefordert?

Ein Gesicht mit bestimmten Referenzen zu kreieren, das es so noch nicht gab und den Stil von René Gruau aufzugreifen, den ihr Euch gewünscht hattet. Die starke Retro-Frau – ich hab dann bei meiner Bildrecherche Schauspielerinnen gegoogelt wie Liz Taylor und Audrey Hepburn und mich von ganz vielen weiteren starken, schönen Frauen aus der Film- und Starwelt inspirieren lassen, um eine Synergie ihrer Attribute in die Figur zu legen. Auch alte Vogue Covers haben mir z.B. sehr bei der Komposition geholfen.

Die Faszination einer Linie - wie schwierig ist es, mit einem Strich eine ganze Figur und Emotion auszudrücken?

Manchmal unmöglich, machmal sehr einfach. (lacht). Das ist Tagesform abhängig und bei Aufträgen ist der Workflow tatsächlich schwierig vorherzusehen.

Wann hat eine Illustration für Dich künstlerischen Charakter? 


Das ist eine interessante Frage.
Zu meinem Stil wird ja häufig gesagt, er sei sehr künstlerisch. Vielleicht liegt es daran, dass ich analog arbeite und sehr viel von meiner persönlichen Handschrift in meine Illustrationen lege – jeder Bleistiftstrich ist anders und durch das „Unperfekte“ entsteht vielleicht diese künstlerische Wirkung.
Meine Figuren sind nicht hundertprozentig abbildhaft, also nicht komplett realitätsgetreu – sie haben zum Beispiel sehr lange Hälse, verzerrte Körperproportionen und enthalten abstrakte Elemente wie Kreise und diese Abstraktion lässt ja wieder Freiraum für Interpretation. 

Was ist das größte Klischee in Deinem Beruf?

Was Leute gerne Verpeiltheit nennen, nenne ich das organisierte Chaos…. also das was jedem Kreativen nachgesagt wird! (lacht)
Und der Beruf des Illustrators ist gefühlt einer der einsamsten der Welt und man ist größtenteils selber für Abwechslung und Austausch mit anderen verantwortlich.

Warum?

Ich kommuniziere mit meinen Kunden per E-Mail und ich arbeite in meinem Studio alleine – darüber bin ich auch oft froh, aber ich sehe einfach selten im Arbeitsalltag Leute, sondern muss in meiner Freizeit Gesellschaft suchen.

Wie würdest Du selbst Deinen Stil beschreiben? 


Reduziert.
Detailverliebt aber auch recht grob…
Mit Freiräumen, Leerstellen.
Japanisch inspiriert.
Ich bin Linienverhaftet. Ich liebe Linienzeichnungen und mich fasziniert die Dynamik einer Bleistiftzeichnung – man muss nicht auf großen Formaten arbeiten, mit viel Farbe etc. mit einem kleinen filigranen Stift kann man soviel erreichen, da steckt so viel Kraft dahinter das finde ich super spannend.

Wem oder was hast Du Deine Kreativität zu verdanken?

Meiner Mutter und meinem Opa.
Meine Mutter hat Architektur studiert, selbst viel gemalt und war über 20 Jahre in der russischen Botschaft Kunstlehrerin. Ich bin mit Kreativität und Kunst aufgewachsen und wurde immer gefördert – ich hatte immer Stifte, ich hatte immer Papier. Ich arbeite übrigens immer noch mit ihrem alten Aquarellmalkasten von 1985, den sie mir geschenkt hat.
Und (!), (lacht) – vielleicht verdanke ich meine Kreativität auch folgendem Schlüsselereignis: Mein erstes Live-Zeichnen-Art-Happening ging nämlich damit los, dass meine Mutter mich aufs Töpfchen gesetzt und mir einen Kugelschreiber in die Hand gedrückt hat. Und ich hab dann angefangen, meine ganzen Oberschenkel zu bemalen. 

Ich hab schon als Kleinkind sehr viel gezeichnet, naja gekrakelt (lacht). 

Bist Du selbst sehr selbstkritisch?

Ja!

Wie äussert sich das?

Mein Perfektionismus gibt mir keine Ruhe – ich erfreue mich zum Beispiel an einer Arbeit immer nur sehr kurze Zeit, ich hab immer irgendwas auszusetzen und Raum für Verbesserungen, aber das ist auch gleichzeitig mein Motor und meine Motivation weiter zu machen. Ich finde dann immer Dinge, die ich verbessern würde – es gibt immer irgendwas zu verbessern. Da erlebe ich Momente zwischen absoluter Euphorie und einem Klos-im-Hals-Gefühl. Aber ich liebe meinen Job! (lacht)
Nein, dieser Punkt ist ganz schlimm und daran muss ich wirklich arbeiten. Ich würde nicht sagen, es ist selbstzerstörerisch, aber der Perfektionismus ist einfach da.

Was tust Du außerhalb der Arbeit gerne?

Vieles – ich fotografiere sehr gerne. Ich habe eine alte russische Kamera von meinem Großvater und eine kleine Olympus Mju 2 Kompaktkamera für Freizeitzwecke. Auf Reisen kommt die große meist ins Gepäck, in Berlin verwende ich sie eher weniger, da sie am optimalsten in mediterranen Lichtverhältnissen mit mir arbeitet. 

Was bedeutet für Dich wahrer Luxus?

Zeit und Geld für das Reisen zu haben.

 

 

Foto Credits

Kimono-Print: Christina Stivali

Koroleva mit rotem Tuch: Helena Melikov
Mehr Fotos findet ihr auf Ekaterians Instagram Account: kikivancheese

Stern
Warenkorb (0)